Wie Innovationen Zeit stehlen

Hast du schon mal überlegt, was viele Innovationen und modern Trends aus dem Silicon Valley und anderen Innovationszentren gemeinsam haben? Ich meine Innovationen sowohl im privaten Leben als auch im Geschäftsumfeld. Fast alle Innovationen wollen es uns einfacher machen oder uns Zeit sparen oder uns schneller machen. In der Fachsprache heisst es dann „faster time to market“.

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Manchmal ist das richtig gut. Wir können Waren bestellen und bekommen sie immer schneller geliefert. Amazon bietet die Lieferung am selben Tag an. Es wird immer einfacher, Bankgeschäfte zu erledigen. Technik macht es für unsere Bauern einfacher, unsere Felder zu bestellen. Firmen können schneller neue Dienstleistungen anbieten.

Aber hier ist etwas, was mich dann doch verwundert: Wenn heute alles so einfach und schnell ist, warum leiden dann immer mehr Menschen an Burn Out? Warum habe ich manchmal das Gefühl, dass in meiner Kindheit das Leben anders war. Als meine Eltern noch lange Stunden mühsam arbeiten mussten, war das Leben für sie entspannter war und sie hatten oft gelacht, und wir hatten die Abende und Wochenenden für uns.

Nun, natürlich erinnert man sich eher an die angenehmen Dinge, aber es gibt drei Aspekte, die ich hier sehe:

Du kannst Zeit nicht sparen

1973 schrieb Michael Ende den Roman Momo, in dem Zeit-Diebe die Menschen überredenten, Ihre Zeit zu sparen – in einer Zeit-Sparkasse. Die könnten sie dann später nutzen. Das Kind Momo kämpft gegen diese Zeit-Diebe und das Buch hatte mich als Jugendlicher so fasziniert, dass ich es in einem Stück in einer Nacht durchgelesen hatte. Genauso heute: Du kannst Zeit nicht sparen. Du gehst schneller, wenn du langsamer gehst. Lies das Buch und denke an den Strassenkehrer, der Schritt für Schritt zum Ziel kommt.

Die Psychologie spielt gegen uns

Im sehr spannenden und lesenswerten Artikel We’re Optimizing Orselves to Death von Zander Nethercutt lernen wir, dass wir die freie Zeit, die wir durch moderne Technologien bekommen gar nicht für uns nutzen, sondern wir geraten in einen endlosen Kreislauf von immer mehr aktivität, was einen unglaublichen Stress auslöst. Und am Ende haben wir immer weniger Zeit. Wirklich, dies ist ein sehr lesenwerter Artikel. Lies den mal.

Manager füllen freie Zeiten ihrer Mitarbeiter mit mehr Arbeit

Wenn in Firmen neue Technologien die Arbeit erleichtern, vom Fliessband bis zum Cloud Computing, dann wird diese freie Zeit oft nicht den Mitarbeitern geben, damit sie ihre Arbeit mehr geniessen können. Stattdessen werden immer neue Arbeiten aufgelanden, oder Mitarbeiter werden entlassen, da die Arbeit ja jetzt mit weniger Menschen erledigt werden kann. Der Effekt ist, dass der Druck und der Stress immer mehr zunimmt. Innovationen können so mehr schaden als nützen.

Was also sollten wir tun

Nun, Du und ich, jeder einzelne, lasst uns überlegen wie wir unsere Zeit nutzen. Lest den Roman Momo. Kommt zur Ruhe.

Wenn Du selbständig bist, hast die die Option, selbst zu bestimmen. Ein guter Bekannter von mir ist Kieferchirurg und hat eine gut laufende Zahnarztpraxis. Immer wenn ich ihn sehe, ist er entspannt und zufrieden. Als ich ihn fragte, wie er das macht, sagte er mir: „Ich verzichte auf einen Teil meines Einkommens und nehme mir jeden Freitag frei, und auch die anderen Tage arbeite ich weniger.“ und „Die gewonnene Lebensqualität wiegt den Einkommensverlust mehr als auf,“ sagt er. Wie hältst Du es damit?

Als Angestellte bist du mehr von deinem Arbeitgeber abhängig. Ich arbeite daran, meine Zeit unter Kontrolle zu haben. Und ich habe mich gegen eine klassische Karriere mit vielen Überstunden und Stress entschieden. Ich bin noch nicht so gut mit dem Zeitmanagement, wie ich sein möchte, aber erste Erfolge sind sichtbar. Ich halte meine Wochenenden frei. Ich kann „nein“ sagen, wenn Aufgaben zu viel werden – und ich priorisiere. Mein Chef und ich reden offen über Arbeitszeiten und Aufgabenzuteilungen. Und ich habe das Glück, einen guten Chef zu heben, der sich auf diese Diskussionen einlässt.

Was haben Startups, Musiker und Mondfische gemeinsam?

Es gibt viele Startups, aber nur ein kleiner Prozentsatz wird eine grosse Firma. Es gibt viele Musiker, aber nur wenige verdienden viel Geld (in diesem Zusammenhang empfehle ich die brilliante Lektüre How Music Works von David Byrne). Ein Mondfisch kann bis zu 300 Millionen Eier legen, aber nur wenige der Eier entwicklen sich zu ausgewachsenen Fischen.

Mola mola (Mondfisch) U.S. National Oceanic and Atmospheric Administration [Public domain]

Bei diesen Statistiken hat mich etwas überrascht: Im Silikon Valley wechseln erstaunlich viele erfahrene Leute, die ich kenne, von grösseren Unternehmen zu Startups, oder sie gründen Startups. Warum gehen sie solche Risiken ein? In Deutschland erlebe ich das so nicht. Da sehe ich eher, dass Leute von einem großen Unternehmen in ein anderes etabliertes Unternehmen wechseln.

Warum ist das so? Da kann ich wirklich nur spekulieren. Vielleicht liegt es an der (gefühlten) Sicherheit, die ein grosses Unternehmen in Deutschland seinen Arbeitnehmern bietet? Oder es liegt daran, dass an amerikanischen Universitäten die Studenten viel leichter in den Kontakt mit (kleinen) Firmen kommen, und so inspiriert werden?

Ein anderer Grund mag sein, dass es im Silicon Valley zur Zeit so viele Gelegenheiten gibt, Arbeit zu finden, und dass es nicht als persönliches Scheitern angesehen wird, wenn ein Startup fehlschlägt.

Ich kenne einige Startup-Gründer im Silicon Valley sehr gut, und eines vereint sie alle: Alle wollen mit ihrem Unternehmen ein Problem lösen, dass sie selber in Ihrer Arbeit erlebt haben oder dass sie sehr gut kennen. Sie sind aus einer Frustration (oder Inspiration) heraus angetreten, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. Gibt es diesen Geist auch in Deutschland? Sicher. Und doch glaube ich, ass wir hier noch viel Potential haben.

Was frustriert Dich? Was für eine Lösung brauchst Du? Vielleicht wird daraus ja eine Geschäftsidee?